Demokratiebildung und digitale Identitäten: Erasmus+-Mobilität nach Dänemark
Beitrag vom 09.06.2026
Wie können Bildungseinrichtungen demokratische Teilhabe fördern und gleichzeitig neue Zielgruppen durch authentische digitale Kommunikation erreichen? Mit diesen Fragen im Gepäck führte der Verband vom 01.-05.06.2026 eine Erasmus+-Mobilität nach Dänemark für neun Leitungen, pädagogische Mitarbeitende und Mitarbeitende der Geschäftsstelle durch. Ziel der Mobilitäten war es, die Tradition der dänischen Heimvolkshochschulen kennenzulernen und Impulse für die Weiterentwicklung unserer eigenen Bildungsarbeit zu gewinnen.
Die Mobilität führte uns zunächst zur Rødding Højskole, der ältesten Heimvolkshochschule Dänemarks. Die 1844 gegründete Schule gilt als Ausgangspunkt der dänischen Heimvolkshochschulbewegung und ist eng mit den Ideen des Pädagogen und Philosophen N.F.S. Grundtvig verbunden. Während unseres Aufenthalts erhielten wir durch Führungen sowie Gespräche mit Studierenden, Lehrkräften und der Leitung einen umfassenden Einblick in die Besonderheiten dieser Bildungsform. Besonders eindrucksvoll war zu erleben, welche Bedeutung die sogenannten Langzeitkurse für die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden und für die demokratische Kultur in Dänemark haben. Die Heimvolkshochschulen verstehen sich nicht primär als Orte der Wissensvermittlung, sondern als Lebens- und Lerngemeinschaften, in denen gesellschaftliche Verantwortung, Dialogfähigkeit und persönliche Entfaltung gefördert werden.
Ein weiterer Programmpunkt war der Besuch der Løgumkloster Højskole. Auch dort stand der Austausch mit den Menschen vor Ort im Mittelpunkt. Die Frage der Gewinnung neuer Zielgruppen stand hier besonders im Fokus: mit großem Erfolg geht man hier auf Zielgruppen aus finanzschwächeren Familien oder auf Menschen mit psychischen Krankheiten zu.
Neben dem Schwerpunkt Demokratiebildung beschäftigten wir uns intensiv mit der Frage, wie Bildungseinrichtungen ihre Werte und Ziele sichtbar machen können. Im zweitägigen Workshop „Voices of Community: Sound Identity and Digital Presence in your Folk High School“ arbeiteten wir gemeinsam mit Mathilde Schytz Marvit und Bobby Hess an Themen wie Markenidentität, Storytelling, Zielgruppenansprache und digitaler Öffentlichkeitsarbeit.
Dabei stand nicht die technische Seite der Digitalisierung im Vordergrund, sondern die grundlegende Frage: Wer sind wir als Bildungseinrichtung und wie möchten wir wahrgenommen werden? Die beiden Referierenden zeigten anhand kreativer Methoden auf, wie Organisationen ihre eigene Identität reflektieren und daraus eine authentische Kommunikation entwickeln können. Besonders spannend war die Idee, die Identität einer Einrichtung über Klang, Geschichten und gemeinsame Erfahrungen sichtbar zu machen. Die Erkenntnisse aus dem Workshop liefern wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung digitaler Kommunikation in den deutschen Heimvolkshochschulen und die Ansprache neuer Zielgruppen.
Darüber hinaus bot die Mobilität die Gelegenheit, sich mit der Geschichte der deutsch-dänischen Grenzregion auseinanderzusetzen und die Bedeutung demokratischer Traditionen in Dänemark näher kennenzulernen. Ein besonderes Erlebnis war die Teilnahme an den Feierlichkeiten zum Grundlovsdag, dem dänischen Verfassungstag. Die offene und selbstverständliche Art, mit der demokratische Werte dort öffentlich gelebt und gefeiert werden, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck.
Besonders bereichernd waren die Begegnungen mit den Studierenden der beiden Schulen. Ihre Motivation, ihr Engagement und ihre Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, machten deutlich, welches Potenzial in freiwilligen und partizipativen Lernformen steckt. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie wichtig eine unterstützende Lernumgebung für erfolgreiche Bildungsprozesse ist. Bildung entsteht nicht allein im Seminarraum, sondern wird auch durch Gemeinschaft, Architektur, Atmosphäre und zwischenmenschliche Beziehungen geprägt.
Ein weiterer wichtiger Lernaspekt war die Frage der Inklusion. Am Beispiel der Løgumkloster Højskole wurde deutlich, wie gezielte Begleitung und individuelle Unterstützung dazu beitragen können, Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen den Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen. Inklusion wurde hier nicht als theoretisches Konzept verstanden, sondern als gelebte Praxis.
Die Erasmus+-Mobilität hat unser Verständnis von non-formaler Bildung, demokratischem Lernen und zeitgemäßer Bildungskommunikation erweitert. Viele der gewonnenen Eindrücke und Ideen werden in unsere zukünftige Arbeit einfließen. Besonders in Erinnerung bleibt dabei ein Satz, der während der Reise mehrfach aufgegriffen wurde: „If everyone stands in the corner of efficiency, someone has to stand in the corner of humanity.“ Für uns bringt er auf den Punkt, was wir aus Dänemark mitnehmen: Bildung entfaltet ihre größte Wirkung dort, wo Menschen, Gemeinschaft und gesellschaftliche Teilhabe im Mittelpunkt stehen.